Roan Lavery
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Was haben Isländer, was wir nicht haben? Versuch einer Zusammenfassung

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Die Wikinger kommen! 120 Isländer singen in Graz und Bad Aussee

Was haben Isländer, was wir nicht haben? Versuch einer Zusammenfassung

Mit Island war ich schon immer eng verbunden. Denn mein Lieblingsonkel Pauli, Bruder meiner Mutter, lebte dort über 40 Jahre und musizierte, komponierte und dirigierte aus allen Poren. Ab und an kam er uns mit seinem bombastischen Männerchor Karlakór Reykjavíkur besuchen. Dann schallten 100-stimmig Bässe, Baritons und Tenöre durch unseren Tanzsaal am Hilmteich, Geschenke wurden großzügig verteilt und unter unaufhörlichen „Skál“-Rufen stieß man mit unzähligen Gläsern bis in die Morgenstunden eifrig an. Ich war noch klein, konnte aber von meinem Bett aus, das im ersten Stock über dem Tanzsaal stand, alles sehr gut mitverfolgen. Und dann diese Gänsehaut erregenden Konzerte - diese Stimmgewalt, die sich von zärtlichst gehauchtem Pianissimo in Nackenhaar sträubendes Fortissimo wandelte und die ausverkauften Säle mit Menschen füllte, die erst mit offenen Mündern staunten und dann vor Begeisterung tobten.

Plötzlich pleite - das erste Opfer der Finanzkrise

Als 2008 die große Bankenblase platzte, nachdem die US-Investmentbank Lehman Brothers an die Wand gefahren wurde, war Island das erste Opfer der jungen Finanzkrise. Die drei größten Banken hatten sich gewaltig verspekuliert, politisch war man in die Panama-Papers verwickelt. Das als reichstes Land der Welt bewertete Island stand vor dem Bankrott. Vor dem Parlament in Reykjavik standen daraufhin tausende Isländer und begannen in wütender Wikingermanier die Korrupten das Fürchten zu lehren. Ich erinnere mich gut daran, denn ich war gebeten worden, die Übersetzung der isländischen Rede ins Deutsche zu redigieren, als ein ORF-Team die brandheiße Situation vor Ort dokumentierte. Ein Satz aus dieser Rede brannte sich mir ins Gehirn: „Entweder tretet ihr freiwillig zurück, oder wir werden euch aus dem Thing hinaustragen!“

46 Jahre Knast für Banker

Nachdem viele Regierungsmitglieder spontan an diversen Leiden erkrankten, mussten sie nicht aus dem Thing getragen werden, sie schieden irgendwie fast freiwillig aus der Politik. Man glaubt es kaum, es gab sogar Rücktritte aus moralischen Gründen. Hut (oder Helm) ab! Das Wort „Bankenrettung“ wurde in den isländischen Wortschatz gar nicht erst aufgenommen, geschweige denn die Idee dahinter. Die Banken wurden auf keinen Fall gerettet, sondern lächelnd in die Pleite geschickt und dann verstaatlicht. Die zuständigen Banker wanderten hinter Gitter und zwar richtig lang. Die Abwertung seiner Währung machte Island wettbewerbsfähig und bereits 2009 fanden die Isländer ihre neue, auf´s Wesentliche reduzierte Situation eigentlich vollkommen in Ordnung. Anfang 2010 begann sich die Wirtschaft zu erholen.

Island strotzt nur so vor Wundern

2012 sprach man in der Presse bereits vom „Wunder von Island“. Aber es war kein Wunder. Es war nur einfach der richtige Weg. Apropos richtiger Weg: Mit 1.1.2018 trat in Island der Gender Pay Gap in Kraft, jenes Gesetz, das Frauen und Männern gleichen Lohn garantiert. Auch hier ist Island das erste Land der Welt, das diesen Weg mit stolz erhobenem Haupt beschreitet. Auch kein Wunder, sondern einfach nur fair. Apropos fair: Ich sage nur „Huh“. Islands Fußballwunder von 2016 hat den Wikingern die Welt zu Füßen gelegt. Wie machen die das bloß, die Isländer? Ganz einfach: mit Können, Charme und viel Humor.

In Wirklichkeit sind es die Elfen

Heute steht Island finanziell, als Sympathieträger und insgesamt noch besser da, als vor der Pleite. Wir lassen uns das jetzt nochmal auf der Zunge zergehen: Vor der Finanzkrise galt Island als reichstes Land der Welt. Jetzt geht es Island deutlich besser. Hmmm. Schuld daran ist in erster Linie der Tourismus. Denn obwohl das Land aus Feuer und Eis schon seit Äonen mit unfassbarer Schönheit gesegnet ist, wurde die Welt erst durch alle oben beschriebenen Details auf den kleinen Inselstaat im hohen Norden so richtig aufmerksam. Doch Island wird auch hier alles richtig machen und jegliche Gier bereits im Keim ersticken, davon bin ich überzeugt. Dafür sorgen schon die Elfen, deren Wohnfelsen und Haine man zu umfahren hat, sonst passieren seltsame Unfälle, Maschinen gehen kaputt, was auch immer. Deshalb macht man das nicht, dafür sorgen Elfenbeauftragte im Bauamt.

Elfen sind überall

Als ich den besten Freund meines Onkels, einen begnadeten Klarinettisten und hochseriösen Herren, einst nach Elfen und Trollen fragte, versicherte er mir beruhigend, dass die üblen Trolle ohnehin in den Bergen leben würden und den Menschen daher nicht zu nahe kämen. Seine reizende Frau, eine begnadete Pianistin, ergänzte, dass die lieben Elfen den Menschen viel Gutes täten, wenn man sie achtete und respektierte. Ich war dann doch erstaunt. Als ich allerdings der Uraufführung von Onkel Paulis  „Nordlichtsinfonie“ lauschte, die 1998 anlässlich der Eröffnung der Nordischen Ski-WM in Schladming gegeben wurde, hab´ ich tatsächlich auch Elfen durch mystische Wälder tanzen sehen. Vor meinem geistigen Auge, aber das sieht oft besser, als die beiden kurzsichtigen. Kompositionen, die in mir bewegte Bilder hervorrufen, sind die besten. Find´ ich halt. Onkel Pauli ist sowieso der Beste, das finden auch die Isländer.

120 Isländer fliegen 6000 km für ein Ständchen

Weil sie eben sind, wie sie sind, ist es, wie es ist: Wen Isländer ins Herz geschlossen haben, der bleibt auch dort. Wertschätzung, Dankbarkeit und Liebe sind Werte für die Ewigkeit. Nicht nur in Island, aber dort wohl ganz besonders. Deshalb setzen sich nächste Woche 120 Isländer, also der gesamte Männerchor Reykjavik in Begleitung ihrer Frauen, ins Flugzeug und fliegen nach Graz. Weil mein Onkel Pauli, der seit seiner Pensionierung wieder in seiner Heimatstadt lebt, heuer 90 Jahre alt geworden ist und das will gefeiert werden. Man bleibt eine ganze Woche, um das Wiedersehen auch richtig auskosten zu können. Und natürlich wird wieder richtig toll gesungen. Am Sonntag, den 12. August 2018 um 16:00 Uhr findet das Festkonzert im Minoritensaal statt.

Zusatzkonzerte im steirischen Elfenland

Bei uns gibt es auch Elfen. Bestimmt. Und zwar in diesem magischen Wald zwischen dem Grundlsee und dem Toplitzsee im Ausseerland. Dort, wo ein achtsam-kluger Bürgermeister nur die passendste Musik aufspielen lässt, damit die Elfen sich auch weiterhin in Gößl wohlfühlen. Dort ist auch die Musik wichtiger, als die Gier, deshalb sprudelt und sprudelt  sie auch aus allen Quellen, durchdringt Natur, Tier und Mensch und alle lieben es. Genau dort, vor der Gößler Wand, wo die Elfen sie gut hören können, werden Islands Mannen ihre Lieder schmettern und zwar in multiplem Zwiegesang mit dem Ausseer Männerchor. Das findet am Montag, den 13.August um 16:00 Uhr statt. Ab 20 Uhr hört man unsere Lieblinge dann bei der Opern-Gala im Kurhaus Bad Aussee. Ist doch herrlich, oder? Huh, was freu´ ich mich darauf.

Last modified onMonday, 01 July 2019 16:49
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