Gott Google und das Content-Paradies

Was wurde schon gejubelt über die unfassbar riesige „Bibliothek“, die uns seit der Verbreitung des Internet zur Verfügung steht. Stimmen wir ein - inklusive Obertöne.

Vom Volksschüler bis zum Pensionisten (tut mir leid, ich bin genderuntauglich), vom Taglöhner bis zum Intellektuellen, vom Australier bis zum Österreicher - Bildung passiert online. Missbildung inklusive. Wikipedia ist der neue Brockhaus, Youtube das neue Fernsehen und Facebook die neue Agora. Im Zuge dieser Metamorphosen hat sich die Sprache verändert, im Gehirn entstehen durch Handy-Texting neue Windungen und Shopping passiert im Wohnzimmer.

Darüber gibt es nichts zu klagen oder zu schimpfen, das ist einfach der aktuelle Stand der Evolution. Die Menschen - allen voran vermutlich die Österreicher - sind mit einem, ebenfalls biologisch bedingten, Raunzreflex ausgestattet, der sich mit Vorliebe gegen Neuerungen richtet. Aber keine Sorge, das liegt bloß daran, dass das Gehirn einfach lieber seine bereits fest verankerten Programme repetiert, als neue anzulegen, denn das wäre mühsamer. Wer nun glaubt, das Gehirn wäre faul, täuscht sich trotzdem, es ist, wie alle natürlichen Organismen, einfach auf Energie-Effizienz ausgerichtet. Was funktioniert wird beibehalten, was vertrauenswürdig wirkt, wird geglaubt. Das Gehirn hasst blinde Flecken, es will vollständige Bilder und Wahrheit.

Tja, das mit der Wahrheit verhält sich natürlich „elastisch“, wie wir spätestens seit Wikileaks, Anonymous & Co wissen. Seither ist die Gesellschaft wieder einmal gespalten, die einen bleiben beim „Glauben“, die anderen versinken im Zweifel. Im Internet werden beide Pole genüsslich bedient, die einen von neurolinguistisch geschulten Verkaufsstrategen, die anderen von internetgebildeten Verschwörungsfuzzis. Es ist keiner dieser Eureka-Momente, zu erkennen, dass der goldene Mittelweg der vernünftigste wäre. Ja, wäre ist Konjunktiv und das ist Absicht. Denn so leicht geht das nicht mit der Wahrheit, die stellt sich leider nicht strahlend in den Vordergrund, sondern schlummert, wenn überhaupt, oft erst auf Seite 3 - 5 der Google-Suche.

Versteht mich nicht falsch, ich bin Gott Google sehr dankbar, spätestens seit ich für ihn arbeite. Diese ständig adaptierten Algorithmen, die Websites nur dann nach oben reihen (wir Webmenschen sagen natürlich „ranken“), wenn sie mit frischem plagiatfreien Inhalt (Content)  versehen sind, füttern mich. Denn zum Glück kann oder mag nicht jeder selbst schreiben - da spring ich dann ein und verkaufe Wörter. Zu Themen, die mir liegen, zu Zeiten, die mir angenehm sind, an Orten, an denen ich sein möchte. Klingt super, gell? Ist es auch. Natürlich kann der Alltag auch sehr ernüchternd sein, aber das liegt nicht am Google, daran bin ich selbst schuld. Oder doch besser die Schuld bei anderen suchen, schuld also ist er, jener Professor, der mir, als blutjunger Germanistin, damals einimpfte: „Glaube nichts, was geschrieben steht, hinterfrage alles.“

Dieser Satz hat mich geprägt, für den bin ich ewig dankbar. Er stammt zwar aus einem Zeitalter, in dem nur Papier geduldig war, aber seit Geduld die vorherrschende Eigenschaft von Bildschirmen ist, wird mein Wahrheitsfanatismus kontinuierlich ärger. Das liegt daran, dass meine arme Intelligenz so oft beleidigt wird, von diesem schnell - und vor allem auf Seite 1 - verfügbaren „Wissen“. Und seit ich damit täglich zu arbeiten habe, wird es täglich schlimmer. Denn ich schaffe es einfach nicht, irgendetwas nachzubeten, was schon drei Quellen vor mir voneinander abgeschrieben haben. Eines der obersten Gebote von Gott Google, das oben bereits erwähnte Plagiatsverbot, tut nämlich so, als würde es Urheberrechte schützen. Um diese zu umgehen, braucht man einfach nur ein bisschen umzuformulieren. Wenn es im Original zum Beispiel heißt „Du sollst nicht töten“, schreibt die Content-Maus einfach sowas wie "Töten sollst du nicht!", „Umbringen unerwünscht“, oder zeitgeistbemüht „Killing sucks“.

Auf Seite 1 schert sich fast niemand um Details. Wenn einer einen Namen falsch schreibt, dann schreiben ihn die nachfolgenden Autoren auch falsch. Sobald der Erste jubelt „Pferdeäpfel töten Krebszellen“, hebt das Netz zum Kanon an. Auf diese Weise wissen wir heute, dass Kurkuma und Avocados heilen. Bei Cannabis zum Beispiel streiten sich die Lobbys noch ein bisschen, schließlich ist die Kluft zwischen Böse und Gut über Jahrzehnte gewachsen.

Aktuell sieht es allerdings so aus, als wären „normale“ Zigaretten das größte Übel der Menschheit. Passivrauchen gilt mittlerweile als mindestens genauso ungesund wie Aktivrauchen. Wird sein. Obwohl, wenn man sich an einem Tiefdrucktag in Graz im Freien einen Tschick anraucht, fühlt es sich immer noch gesünder an, als normales Atmen. Mach ich aber nicht. Weder rauche, noch atme ich in Graz, aber ich habe es getan. Im Freien hab´ ich zwar selten geraucht, dort find ich´s nämlich grauslig, aber dafür in Lokalen, die mir Alkohol verkauften. Ohne Alkohol find ich Rauchen nämlich auch grauslig. Und seit ich Alkohol noch grausliger finde, als Zigaretten, hat sich der Themenkomplex für mich zum Glück erledigt.

Nachdem kollektives Echauffieren mir allerdings fast ebenso suspekt ist, wie kollektives Heil-Versprechen, weil ich aus dem Zweifeln nicht mehr raus finde und mich ständig fragen muss, wer nun wieder die schlaueste Marketingstrategie bezahlt, bleibt es spannend.
Ich werde mich weiterhin um die Wahrheit bemühen und versuchen, sie aufzuspüren, so gut ich kann. Trotzdem möchte ich euch alle warnen: Glaubt nicht jedem Tourismushype, denn er könnte von mir sein und ich war nicht vor Ort, sondern muss den Quellen vertrauen. Glaubt nicht alles, was Google ausspuckt und bitte glaubt nicht alles, was alle glauben. Die Devise lautet nämlich immer noch: Selbst denken, statt denken lassen.

Last modified onSaturday, 24 February 2018 11:11
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